Architektur- und Kunsthistoriker Michael Falser beleuchtet in der Landesbibliothek Teßmann die menschliche und kulturelle Dynamik an den Rändern von Gesellschaften.

Grenzen sind auf Landkarten meist nur dünne Linien, doch für die Menschen vor Ort strukturieren sie den Alltag, prägen die Identität und schaffen eigene Lebenswelten. Am Mittwoch, den 15. April, widmet sich ein öffentlicher Vortrag in der Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann in Bozen genau diesem Phänomen. Der Architektur- und Kunsthistoriker Michael Falser geht dabei der Frage nach, wie Grenzlandschaften entstehen und welche sozialen und kulturellen Dynamiken sich beidseitig von Trennlinien abspielen.
Der Vortrag rückt die Lebensrealität in Randgebieten in den Fokus. Anstatt Grenzen rein geografisch oder sicherheitspolitisch zu betrachten, untersucht Falser, wie Menschen auf räumliche Teilung reagieren und welche künstlerischen Praktiken in diesen Zonen wachsen.
Kunst als Reaktion auf Ausgrenzung
Um die abstrakten Prozesse greifbar zu machen, zieht der Kunsthistoriker konkrete Beispiele heran. Ein zentrales Thema des Abends ist der Chicano Park im südkalifornischen San Diego an der Grenze zu Mexiko. Dort reagierte eine mexikanisch-amerikanische Arbeitergemeinde auf politische und räumliche Ausgrenzung, indem sie ihr Umfeld mit monumentalen Graffiti-Kunstwerken gestaltete. Solche Beispiele illustrieren, wie Gemeinschaften durch kreativen Ausdruck Identität stiften und auf ihre Lebensumstände antworten.
Der strukturelle Blick auf den Grenzraum
Neben der kulturellen Bewältigung beleuchtet die Vorlesung auch die strukturellen und technischen Rahmenbedingungen. Falser erörtert, durch welche Systeme und Mechanismen weiträumige Grenzlandschaften stabilisiert werden und welche Faktoren im Gegenzug dazu beitragen können, ehemals getrennte Gebiete wieder miteinander in Verbindung zu bringen. Die Betrachtung ordnet diese Entwicklungen historisch ein und bewertet sie aus einer zeitgenössischen Perspektive.
Hintergrund der Veranstaltung
Der Vortrag gliedert sich in die thematische Vorlesungsreihe „Grenzlandschaften. Erinnerung, Identität und aktuelle Grenzfragen“ ein, die im laufenden Sommersemester im Rahmen des Studium Generale der Freien Universität Bozen stattfindet. Ziel des Formats ist es, wissenschaftliche Diskurse über gesellschaftlich relevante Themen für eine breite Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr in den Räumlichkeiten der Landesbibliothek in der Armando-Diaz-Straße 8. Der Abend ist für alle Interessierten kostenfrei zugänglich und bietet einen Raum für die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Realität des Lebens an und mit Grenzen.
