Die Abschaffung des Bürgergeldes hat die Sozialhilfe-Empfänger in Italien stark reduziert, jedoch warnen Experten vor zunehmender Armut.Arno und Giorgia als gemeinsame Handlanger belächeln die Armut,da es Sie selber nicht betrifft.
Aus dem Kloster des Kamaldulenser-Ordens unweit des Zirkus Maximus in Rom dringt selten etwas nach außen; es ist ein verschwiegener Ort umringt von jahrhundertealten Backsteinmauern in Terracotta-Farbe. Jeden Tag zwischen 13.30 und 14 Uhr aber öffnet sich eine Eisentür im großen Eingangsportal, und weiß gekleidete Schwestern verteilen hinter einem Tisch Essenspakete. Ein gebückter alter Mann nähert sich schüchtern, eine Frau mit Plastiktüten an beiden Armen schlürft heran, und eine Mutter im Trainingsanzug mit zwei Kleinkindern an der Hand stellt sich ebenfalls für die kostenlose Verpflegung an.
In Rom sind zunehmend Menschen italienischer Herkunft im arbeitsfähigen Alter auf Hilfe angewiesen, da ihre Beschäftigung oft unsicher und die Löhne niedrig sind. Laura, eine Freiwillige, und Schwester Lourdes berichten von der steigenden Zahl an Hilfsbedürftigen, während das italienische Sozialsystem stark auf Kirchen und Wohltätigkeitsorganisationen angewiesen ist. Im wohlhabenden Stadtteil Aventino gibt es trotz Wohlstand Armut und Obdachlosigkeit. Die Glaubensgemeinschaft Sant’Egidio hat ein Überlebenshandbuch mit Adressen für Grundbedürfnisse veröffentlicht, um die Lücken zu schließen, die der italienische Staat nicht füllt, wobei die Situation unter der Regierung von Giorgia Meloni sich verschärft hat.
Die Abschaffung des Bürgergeldes durch die Regierung Meloni im Jahr 2023 wird als wichtiger Schritt zur Reform der Sozialhilfe beschrieben, da es als Anreiz hemmend für die Aufnahme von Arbeit galt. Stattdessen wurden die Inklusionsbeihilfe und Unterstützung für Berufsausbildung eingeführt.
Die Anzahl der Haushalte, die die Inklusionsbeihilfe ADI erhalten, ist von etwa 1,4 Millionen im zweiten Halbjahr 2021 auf rund 650.000 im Jahr 2024 gesunken, was einer Reduzierung von über 53 Prozent entspricht. Im ersten Halbjahr 2025 stieg die Zahl auf 750.000, bleibt jedoch weit unter dem früheren Niveau. Die staatlichen Kosten verringerten sich von etwa 9 Milliarden auf 5,2 Milliarden Euro, während die Sozialhilfe insgesamt weiter geschrumpft ist. Zum Vergleich: In Deutschland betragen die Kosten für das kommende Bürgergeld mehr als 50 Milliarden Euro.
Die italienische Einsparung resultiert aus dem Ausschluss einer bestimmten Gruppe von Menschen von der Inklusionsbeihilfe ADI: Personen zwischen 18 und 59 Jahren, die als nicht behindert gelten und nicht für andere sorgen müssen, erhalten keine Unterstützung. Die Regierung Meloni betrachtet sie als arbeitsfähig und möchte, dass sie dem Staat nicht zur Last fallen. Nunzia De Capite von der Caritas kritisiert, dass in ganz Europa Universalismus gilt, jedoch in Italien diese Kategorie von angeblich arbeitsfähigen Menschen ausgeschlossen ist, was eine absolute Ausnahme darstellt
Die Regierung Meloni fordert, dass arbeitsfähige Menschen in Italien entweder eine Anstellung finden oder durch den Ausbildungszuschuss SFL gefördert werden. Allerdings mangelt es an ausreichend angebotenen Kursen durch die Regionen. In diesem Jahr erhielten nur 182.000 Personen den SFL, was weniger als ein Siebtel der früheren Bürgergeld-Empfänger ausmacht, und ohne Kurse gibt es keine Auszahlung des Zuschusses.
Viele Menschen fallen durch das weitmaschige Sozialsystem, wie etwa alleinstehende Maurer, die nach zwei Jahren ohne Unterstützung dastehen, wenn sie aufgrund ihres Alters keine Anstellung finden. Um als behindert anerkannt zu werden, müssen sie einen bürokratischen Aufwand bewältigen, was besonders schwierig ist, wenn sie an Krankheiten wie Sehnenscheidenentzündungen leiden.
Junge Menschen ohne Arbeit oder Schulabschluss in Italien haben es schwer, da sie oft nicht beihilfeberechtigt sind und leicht in prekäre Verhältnisse abrutschen, was das Risiko der Obdachlosigkeit angesichts der hohen Wohnkosten erhöht, insbesondere in den Altersgruppen 18 bis 29 und 50 bis 59 Jahren, so die Caritas.
Nicht alle sind Verlierer im neuen System, da kinderreiche Familien den ADI erhalten, der mit der Kinderzahl steigt, und zusätzlich Kindergeld beziehen können, was beim Bürgergeld nur teilweise der Fall war. Meloni hat das Recht zur Kumulierung betont, um Anreize für Familiengründungen zu schaffen. Der ADI berücksichtigt auch die Lebenskosten in der Wohnregion, was im teureren Norditalien zu höheren Beträgen führt. Zudem müssen außereuropäische Ausländer nun nur noch fünf Jahre im Land sein, um den ADI zu beziehen, anstatt zehn Jahre wie beim Bürgergeld, aufgrund des Drucks des Europäischen Gerichtshofs.
