Geplante Verkehrsinfrastrukturen im Pustertal mit Olympiageldern„Wir machen ein Land zum Wegfahren und nicht zum Dableiben“12 / 04 / 2024 | HITRADIO SÜDTIROL Torggler Sigi
Die Gelder für Olympia 2026 haben zahlreiche Verkehrsinfrastrukturprojekte im Pustertal
angestoßen: den zu begrüßenden Bau der Riggertalschleife für die Bahn, aber vor allem auch
Straßenbauprojekte wie die Umfahrungsstraße in Percha, die Kreuzungsbereiche Olang und
Rasen/Antholz sowie Projekte in Toblach und Innichen, die aufgrund ihrer Dimension den
Transitverkehr im Pustertal anfeuern werden. Mit solchen Projekten „machen wir ein Land zum
Wegfahren und nicht zum Dableiben“ stellte der renommierte Verkehrsplaner Hermann
Knoflacher heute bei einer Pressekonferenz in Bozen fest.
Nachdem Hermann Knoflacher gestern in Toblach sein neues Buch „Virus Auto 4.0 – Lebensraum für
Mensch und Natur in Stadt und Land“ präsentierte, stellte er heute auf Einladung von
Heimatpflegeverband Südtirol, Dachverband für Natur und Umweltschutz, Initiativgruppe OlangRasen Antholz, Umweltring Pustertal und Plattform pro Pustertal die geplanten
Verkehrsinfrastrukturprojekte entlang der Pustertaler Straße bei einer Pressekonferenz in Bozen auf
den Prüfstand. Großveranstaltungen wie die olympischen Winterspiele erfordern laut dem Wiener
Verkehrsexperten vorübergehende Maßnahmen im Verkehrssystem, die negative Folgewirkungen
ausschließen müssen. Die Lösung liegt daher im Verkehrsmanagement unter Einbeziehung aller
Verkehrsträger unter den Vorgaben der Klimaziele, des Landschafts- und Naturschutzes und
Vermeidung schädigender Folgewirkungen für die Bevölkerung und die lokale Wirtschaft.
Chance Olympia
Die Olympiade bietet die Chance, um mit den bereitgestellten Mitteln Weichenstellungen für eine
nachhaltige Veränderung der Verkehrsmittelwahl zum öffentlichen, Fußgänger- und Radverkehr zu
setzen. Dafür sind aber die Mittel für eine beispielgebende verkehrliche Sanierung der Gemeinden
einzusetzen und nicht zur Erhöhung und Förderung des schädlichsten Verkehrsträgers durch
Fahrbahnausbauten. Denn die olympische Herausforderung findet nicht nur im Sport statt, sondern
noch viel mehr in der Umsetzung wirksamer Maßnahmen zur Erfüllung der Klimaziele.
Mit den geplanten Projekten wird die Chance verspielt
Der zweistöckige Ausbau der Kreuzung Olang, der Ausbau der Kreuzung Rasen/Antholz, der
dreispurige Ausbau zwischen Kiens und St. Lorenzen und die Großprojekte in Innichen und Toblach,
aber auch die auf eine Maximierung der Fahrzeug-Kapazität und -Beschleunigung getrimmten
Umfahrungen in Kiens und Percha erreichen vor allem eines: Das Autofahren wird noch attraktiver
und damit ist noch mehr motorisierter Individualverkehr vorprogrammiert. Damit widersprechen die
Projekte laut Knoflacher nicht nur den Klimazielen, sondern zerstören in den betroffenen Gemeinden
das Landschaftsbild und vergrößern nachweisbar die Verkehrs- und Umweltprobleme auch in diesem
Tal Südtirols. Die den Projekten zugrunde liegenden Planungsvorstellungen sind veraltet, weil sie die
Systemwirkungen ignorieren. Damit wird dem Pustertal und auch dem Land Südtirol weiterer
Schaden nicht nur im Verkehrssystem zugefügt.
Unwiederbringliche Qualitätsverluste
Mit jedem weiteren Quadratmeter nachhaltig zerstörter Landschaft durch Fahrbahnen und
Betonflächen geht auch ein Stück Heimatbezogenheit nicht nur für die Bewohner, sondern auch für
die Besucher und Touristen verloren, ist Hermann Knoflacher überzeugt und stellt klar, dass mit jeder
Erhöhung der Geschwindigkeit im Autoverkehr das Land und die Bedeutung seiner Wirtschaft
schrumpft. Das Fazit des renommierten Verkehrsplaners ist eindeutig:
„Aus der Sicht eines Wissenschaftlers und Praktikers mit Jahrzehnten an Erfahrung ist die
Entscheidung für diese Ausbauprojekte sachlich nicht nachvollziehbar und unter den heutigen
Bedingungen einer Beschleunigung der Klimaveränderung und des Artensterbens nicht
verantwortbar.“
Umweltverbände fordern Bahn statt Autowahn
Neben Hermann Knoflacher kamen bei der Pressekonferenz auch die Vertreter der Umweltverbände
und Gemeindepolitikerinnen zu Wort. Albert Willeit vom Heimatpflegeverband Südtirol forderte,
dass gleichzeitig mit dem Bau der Riggertalschleife auch der teilweise zweispurige Ausbau der
Pusterer Bahnlinie erfolgen müsse, denn „nur dann ist die Bahn eine echte Alternative zum Auto“.
Außerdem betonte Willeit, dass der Heimatpflegeverband natürlich die Entlastung von Anrainern
durch Umfahrungen begrüßt, aber die vorliegenden Megaprojekte dienen vor allem der
Verkehrsbeschleunigung und sind große landschaftliche Eingriffe mit enormen Flächenverbrauch.
Einfache Lösung für Kreuzung Olang, Hochwasserschutz und Bahnhofsprojekt für Innichen
Nikolaus Spitaler, Vertreter der Initiativgruppe Olang-Rasen Antholz und Gemeinderat in Olang
betont, dass der „einzige „Vorteil“ einer doppelstöckigen Variante der Kreuzung Olang der „flüssige
Verkehr” auf der Hauptachse sei, dies bedeutet allerdings gleichzeitig eine ungebremste Durchfahrt
für den Transitverkehr!“ Deshalb sollte auch dort ein funktioneller und umweltschonender
einstöckiger Kreisverkehr umgesetzt werden.
Greta Serani, Gemeinderätin von Toblach fordert vor allem Transparenz und Bürgerbeteiligung ein.
Nach dem Bau der drei Kreisverkehre sei höchstens eine Neuordnung der Mobilitäts-Abläufe am
Bahnhof Toblach notwendig. Auch die ehemalige Bürgermeisterin von Innichen Rosmarie Burgmann
kam mit einer klaren Forderung nach Bozen: „Innichen braucht dringend den Hochwasserschutz samt
Straße im Osten und die Umsetzung des Bahnhofprojektes aus dem fernen Jahr 2013. Dafür wären
Olympiagelder hilfreich. Was Innichen sicher nicht braucht ist eine talquerende Brücke über
Eisenbahn und Drau und auch keine Südumfahrung im Tunnel.
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