Streit der Intellektuellen17 / 07 / 2025
In Südtirol gibt es einen Vorschlag vom Südtiroler Alpenverein, Berghütten umzubenennen. Die Namen deutscher Städte sollen durch lokale geografische Bezeichnungen ersetzt werden. Dies führt zu einem Streit, da Traditionalisten gegen diese Idee sind und befürchten, dass die alten deutschen Namen verloren gehen.

Die Südtiroler Kasseler Hütte liegt an der Nordseite des Rieserferner-Hauptkamms über dem Bachertal und bietet Einkehrmöglichkeiten für Bergsteiger. Doch Ingrid Beikircher, Vizepräsidentin des Alpenvereins Südtirol, hat eine Diskussion angestoßen, ob die Schutzhütten in Südtirol nach deutschen Städten benannt bleiben sollten. Neben der Kasseler Hütte gibt es weitere, die nach Städten wie Zwickau, Magdeburg und Köln benannt sind. Beikircher schlägt vor, die Hütten nach lokalen Gegebenheiten umzubenennen, um ihnen eine stärkere regionale Identität und Authentizität zu verleihen.

Was zunächst harmlos klingt, führt bei näherer Betrachtung zu komplexen Problemen. Wer zwischen Brenner und Salurner Klause sowie zwischen Ortler und den Dreizinnen aktiv ist, bewegt sich auf historisch belastetem Boden. Selbst alte Hüttennamen sind umstritten. Ihr Infrage-Stellen wird als unverschämter Bruch mit Tradition angesehen – fast als Verrat an dieser Region. Dies hat mit der Annexion Südtirols 1918 nach dem Ersten Weltkrieg zu tun, die von der deutschsprachigen Urbevölkerung nie vollständig verarbeitet wurde. Im Bozener Bergsteigerlied wird von schwerem Leid gesprochen, und der melodische Gesang dient den Südtirolern bis heute als inoffizielle Landeshymne. Zudem spielt der Volkstumskampf der Deutschsprachigen gegen die Italianisierung in jeder Diskussion eine Rolle.
Tatsächlich erlebte Südtirol schwere Zeiten, als Benito Mussolini südlich des Brenners herrschte. Seine faschistischen Denkmäler stören bis heute die Landschaft und empören die Einheimischen. Selbst ein Platz in Bozen ist dadurch verschandelt.
Aber Ingrid Beikircher verfolgt mit ihrem Vorstoß praktische Gründe, die auch den Tourismus betreffen, von dem das Land stark abhängt. „Ein Gast aus Japan fragt sich, warum in Südtirol eine Kasseler Hütte steht. Ein Südtiroler Name wäre verständlicher“, erklärte sie in den Medien. Der Alpenverein Südtirol unterstützte sie und merkte an, dass neue ortsbezogene Namen „das Wanderland Südtirol als alpine Destination stärken“ könnten. Beikircher schlug eine Umbenennung der Kasseler Hütte vor, und denkt an den Hochgall, den höchsten Berg der Rieserfernergruppe mit 3436 Metern.
Das, was sie und der Südtiroler Alpenverein sagen, klingt nicht unbedingt falsch, ignoriert aber die Geschichte, insbesondere ein wichtiges Kapitel zur Erschließung der Alpen. Diese beginnt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im Deutschen Reich und den deutschsprachigen Gebieten von Österreich-Ungarn wuchs damals die Begeisterung für die Berge, begleitet von einem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Aus diesem Geist entstand der Deutsche und Österreichische Alpenverein, kurz DuOeAV.Dieser setzte sich wiederum aus Sektionen in verschiedenen Städten zusammen – so wie es in den Nachfolgeverbänden bis heute ist. Als Tätigkeitsfeld des DuOeAV wurden die in Bayern und Österreich gelegenen Alpengebiete begriffen, inklusive Südtirol, das bis 1918 österreichisch war.
Die Sektionen bauten bis zum Ersten Weltkrieg viele Hütten und nannten sie oft nach ihren Heimatstädten. Nach der Annexion Südtirols enteigneten die Italiener die Hütten. Zunächst erhielt der Club Alpino die meisten, wobei die Kasseler Hütte an die Sektion Rom ging und den Namen „Rifugio Vedrette Giganti“ oder „Rifugio Roma“ bekam. Die Stettiner Hütte ging an die Sektion Padua und wurde „Rifugio Francesco Petrarca“ genannt. Diese Namen setzten sich hauptsächlich unter zugewanderten Italienern durch. Es gab zwar weitere Besitzerwechsel, doch die alten Eigentümer der deutschen Alpenvereinssektionen verloren ihren Besitz. Heute gehört eine Mehrheit dieser Hütten dem Land Südtirol, insgesamt 25, um die die Debatte hauptsächlich kreist.
Beikircher erhielt sofort starken Widerstand jener Gruppierung, der einflussreichen sollte sein und einen Gesamt-Tirol ohne Italien anstrebt. Er warnt, dass eine Umbenennung die geschichtlichen Verbindungen vieler Hüttenbezeichnungen zerstören würde. „Namen wie Regensburger Hütte sind Teil unserer kulturellen Identität .
Er schlägt eine alternative Debatte über die traditionsreiche Dreizinnenhütte in den Dolomiten vor. Diese Hütte wurde nach dem Ersten Weltkrieg von Italienern an den Bergsteigerverein in Padua übergeben und nach dem faschistischen Fliegerhelden Antonio Locatelli benannt. Der Heimatbund findet es „ein grotesker Widerspruch“, dass deutsche Hüttennamen diskutiert werden, aber nicht über einen Mussolini-Anhänger.
Die Südtiroler Schützen, die die regionale Identität bewahren wollen, unterstützten die Diskussion. Die Freiheitlichen meldeten sich schnell zu Wort, vertreten durch Vizeobmann Otto Mahlknecht. Er sagte in der Dolomiten-Zeitung: „Wer Namen wie Chemnitzer Hütte oder Marburger Hütte als unpassend betrachtet, ignoriert die Geschichte des Alpinismus und fördert fragwürdige Identitätspolitik.“ Eine Umbenennung würde eine Abkehr vom deutsch-österreichischen Kulturraum bedeuten.
Im selben Moment kritisierte Mahlknecht den Alpenverein Südtirol, insbesondere die Vizevorsitzende Beikircher. Er fand es enttäuschend, dass dieser Bergsteiger-Bund als regionale Traditionsorganisation die „Speerspitze einer Umbennungswelle“ bildet, ohne die früheren Leistungen der enteigneten Sektionen zu würdigen. Laut ihm gibt es weiterhin einen aktiven Austausch zwischen den früheren Besitzern und den aktuellen Pächtern.
Ob dies stimmt, lässt sich schwer feststellen, da einige deutsche Sektionen Ersatz für ihre verlorenen Hütten in Südtirol gebaut haben. Zum Beispiel errichteten die Kasseler Bergsteiger 1927 im Zillertal ein neues Haus. Betroffene Sektionen halten sich aus der Diskussion heraus, auch der Deutsche Alpenverein. Der Präsident des Bayerischen Rundfunks, Roland Stierle, meint, es sei eine Südtiroler Angelegenheit. Die Debatte dort wurde jedoch nicht schnell gelöst. Besonders wichtig: Auch die Südtiroler Volkspartei, die mit Arno Kompatscher den Landeshauptmann stellt, ist einflussreich. Ihr Landessekretär Harald Stauder äußert sich ähnlich genervt wie andere Gegner der Umbenennung, indem er sagt, die Schutzhütten und ihre Namen seien „historische Denkmäler des Alpinismus“. Alles solle so bleiben, wie es ist. Der Alpenverein Südtirol scheint vorerst weitgehend zu schweigen, anscheinend haben die heftigen Reaktionen ihm zugesetzt. Vizepräsidentin Beikircher rudert mittlerweile zurück und erklärt, es gebe keinen Beschluss .Solche Debatten über Tradition und die Selbstbehauptung Südtirols schlafen in der Regel schnell wieder ein – bis zum nächsten Streit, der wie das Amen in der Kirche kommt. Jetzt wären wieder die Volksstumsschützer und Traditionalisten an der Reihe. Ihnen stört es, dass Berge, Almen, Bäche und Täler aus der Zeit der faschistischen Italianisierung in den 1920er Jahren neben den deutschen auch italienische Namen tragen.
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