Wenn Mathematik greifbar wird: Wie die Kunst des Papierfaltens sogar Leben rettet

Vom Auto-Airbag bis zum Stent im Herzen: Beim „Tag der Mathematik“ entdeckten Südtirols Lehrkräfte, wie spannend und alltagsnah Geometrie sein kann.

A speaker presenting at a mathematics event titled 'Tag der Mathematik' with a colorful graphic on the screen behind him and a seated audience member at a table.
Foto: LPA/Deutsche Bildungsdirektion/Margit Pichler

Wer an Mathematikunterricht denkt, hat oft endlos lange Zahlenreihen, komplizierte Formeln an der Tafel und das bloße Auswendiglernen von Regeln im Kopf. Doch dass Mathe auch unheimlich kreativ, faszinierend und im wahrsten Sinne des Wortes lebensrettend sein kann, bewies nun eine besondere Tagung der Deutschen Bildungsdirektion. Am 10. April tauchten die heimischen Lehrpersonen in eine Welt ein, in der sich reine Wissenschaft und traditionelle Kunst auf wunderbare Weise verbinden: die Welt des Origami. Dabei zeigte sich eindrücklich, warum das jahrhundertealte Handwerk des Papierfaltens heute aus der modernsten Technik und Medizin nicht mehr wegzudenken ist.

Als Hansjörg Unterfrauner, Direktor des Amtes für Beratung der Pädagogischen Abteilung, den jährlichen „Tag der Mathematik“ eröffnete, war das Interesse der Lehrkräfte groß. In diesem Jahr stand nicht das trockene Wälzen von Lehrplänen im Mittelpunkt, sondern das aktive Ausprobieren und Staunen. Die Lehrerinnen und Lehrer durften selbst zu Papier greifen und experimentieren. Denn wenn man ein einfaches, zweidimensionales Blatt durch gezielte, mathematisch berechnete Faltungen in eine stabile 3D-Struktur verwandelt, wird Geometrie plötzlich spür- und begreifbar.

Hightech aus dem Bastelzimmer

Als besonderer Gast referierte Norbert Hungerbühler, Mathematik-Professor an der ETH Zürich, über die tiefgründigen wissenschaftlichen Hintergründe dieser Technik. Was auf den ersten Blick wie eine nette und entspannende Bastelaufgabe wirkt, hat in der echten Welt verblüffende und handfeste Anwendungen. So bedienen sich etwa Ingenieure bei der Entwicklung von Auto-Airbags genau dieser komplexen Falt-Prinzipien, damit sich das lebensrettende Kissen bei einem Aufprall im Bruchteil einer Sekunde fehlerfrei und sicher entfalten kann.

Noch greifbarer wird diese Verbindung in der modernen Medizin: Sogenannte Stents, die bei verengten Herzkranzgefäßen eingesetzt werden, müssen winzig klein und hochkomplex zusammengefaltet in den menschlichen Körper gebracht werden. Erst an der exakt richtigen Stelle im Herzen spannen sie sich dann zu ihrer vollen Größe auf – ein medizinisches Wunder, das ohne die Mathematik des Origami kaum denkbar wäre.

Die Neugier als Motor des Lernens

Für die Lehrkräfte ging es bei dieser Tagung aber nicht nur um die faszinierenden Endprodukte, sondern vor allem um die Art und Weise, wie wir lernen. Professor Hungerbühler erinnerte daran, wie wichtig es ist, im Unterricht eine Kultur des kreativen Fragenstellens zu pflegen. Es seien nicht die sturen Antworten, sondern diese „zündenden Fragen“, die das Denken anregen und letztlich die Mathematik und unsere Gesellschaft voranbringen.

Wenn die Südtiroler Lehrerinnen und Lehrer dieses neu gewonnene Wissen und vor allem diese Neugier nun mit in ihre Klassenzimmer nehmen, profitiert davon direkt unsere Jugend. Denn wer als Schüler einmal verstanden hat, dass in einem einfachen, gefalteten Stück Papier die Lösung für einen schlagenden Herzmuskel stecken kann, für den wird der Mathematikunterricht wohl nie wieder einfach nur grau und langweilig sein.