Teure Heizsaison: Warum Südtirols Gaskunden in diesem Winter tiefer in die Tasche greifen müssen02 / 11 / 2026 | HITRADIO SÜDTIROL Torggler Sigi
Die Temperaturen sinken, die Heizungen laufen an – und mit ihnen wächst bei vielen Südtirolerinnen und Südtirolern die Angst vor der nächsten Energierechnung. Pünktlich zum Start der kalten Jahreszeit schlägt die Teuerung auf dem Energiemarkt voll durch. Der Gaspreis klettert unaufhaltsam nach oben und reißt tiefe Löcher in die Haushaltskassen. Mittendrin im Geflecht aus globalen Krisen und lokalen Kosten steht die Infrastruktur von Südtirolgas.
Wer in diesen Tagen das Thermostat im Wohnzimmer höher dreht, schaut unwillkürlich mit einem unguten Gefühl auf den Gaszähler. Die Warnungen der Verbraucherschützer sind unüberhörbar: Gaskunden in Südtirol stehen vor einer extremen finanziellen Belastungsprobe. Laut aktuellen Berechnungen der Verbraucherzentrale Südtirol (VZS) müssen Haushalte mit Preissteigerungen von rund 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr rechnen.
Die Schuld an den hohen Gaspreisen in Südtirol lässt sich nicht an einem einzigen Akteur festmachen. Vielmehr handelt es sich um ein Zusammenspiel aus globaler Geopolitik, nationalen Marktregeln und den Besonderheiten der lokalen Infrastruktur.
Die Hauptverantwortlichen und Preistreiber lassen sich in drei Ebenen unterteilen:
- Die globalen Preistreiber (Geopolitik & Weltmarkt)
Das Fundament für den teuren Gaspreis wird auf dem Weltmarkt gelegt, da Europa und Italien einen Großteil des Erdgases importieren müssen.
- Geopolitische Krisen: Konflikte im Nahen Osten sowie der anhaltende Krieg in der Ukraine sorgen für ständige Nervosität an den Energiebörsen. Sobald Lieferwege bedroht sind oder Pipelines ausfallen, schießen die Preise präventiv in die Höhe.
- Internationale Spekulation: Gas wird an Börsen wie dem virtuellen Handelspunkt TTF gehandelt. Spekulanten nutzen Unsicherheiten aus, was die Preise künstlich aufbläht, noch bevor überhaupt ein echter Gasmangel herrscht.
- Die nationalen Preistreiber (Das italienische Marktsystem) Italien hätte eigene Gaspipline,kauft es jedoch über Deutschland ein welche es von den USA erwerben.
Südtirol kann seine Preise nicht unabhängig gestalten, sondern hängt vollständig am italienischen Gesamtmarkt.
- Der PSV-Index: Italien berechnet den Großhandelspreis nach dem sogenannten PSV-Index (Punto di Scambio Virtuale). Steigt dieser, steigen automatisch die Tarife für alle Verträge mit variablen Preisen in Italien.
- Das Strom-Paradoxon („Merit-Order“): Da Italien fast die Hälfte seines Stroms aus Gas gewinnt, bestimmt das teuerste Kraftwerk (meistens ein Gaskraftwerk) den Preis für den gesamten Strommarkt. Das bedeutet: Teures Gas zieht in Italien automatisch auch die Strompreise nach oben.
- Staatliche Abgaben und Steuern: Ein beträchtlicher Teil jeder Gasrechnung besteht aus Systemgebühren (Oneri di sistema) und Verbrauchssteuern (MwSt. und Verbrauchssteuer), die vom italienischen Staat festgelegt werden und den Endpreis für die Bürger massiv verteuern.
- Die lokalen Akteure (Südtirolgas & Vertriebsgesellschaften)
Lokal vor Ort wird oft dem Netzbetreiber Südtirolgas die Schuld gegeben, da das Logo auf den Leitungen und oft auch auf Rechnungen zu sehen ist. Hier muss man jedoch differenzieren:
- Südtirolgas ist nicht der Verkäufer: Das Unternehmen besitzt und wartet lediglich das Rohrnetz (Infrastruktur). Es kauft kein Gas auf dem Weltmarkt ein und legt den Gaspreis nicht fest.
- Unvermeidbare Netzkosten: Die Tarife für die Netznutzung werden von der nationalen Behörde ARERA für die Zone „Nordost“ vorgegeben. Allerdings verdient Südtirolgas (und damit indirekt die 112 Südtiroler Gemeinden, denen das Unternehmen gehört) an diesen Transportgebühren. Kritiker bemängeln, dass diese Fixkosten auch dann hoch bleiben, wenn Verbraucher versuchen, Energie zu sparen.
- Die Rolle der Verkäufer (Alperia & Co.): Schuld an den konkreten Endkundenpreisen sind zu einem Teil auch die Vertriebsgesellschaften (die tatsächlichen Gasverkäufer). Wer dort in den vergangenen Monaten die Fristen für den Wechsel in einen günstigeren Tarif verpasst hat oder von seinem Anbieter schlecht beraten wurde, zahlt nun die teuren Standard- oder Freimarkttarife.
Fazit:
Südtirolgas oder die Landespolitik treffen keine Schuld am teuren Rohstoff Gas – diese Preise entstehen global. Lokal lässt sich jedoch darüber streiten, wie hoch die Steuern, Netzkosten und Gewinnspannen der Vertriebsgesellschaften in Krisenzeiten sein dürfen.
Der Sprung über die psychologische Marke
Die nackten Zahlen auf dem italienischen Großhandelsmarkt (PSV-Index) zeigen die Dynamik der Krise. Lag der Gaspreis Ende letzten Jahres noch bei relativ moderaten 0,35 Euro pro Kubikmeter, so kletterte er im Herbst auf rund 0,84 Euro. Pünktlich zum Beginn der Heizperiode kratzt der Rohstoffpreis nun an der psychologischen Marke von 1,00 Euro pro Kubikmeter.
Für den Endverbraucher auf dem freien Markt bedeutet das inklusive Steuern und Gebühren oft einen Preis von 1,40 Euro oder mehr pro Kubikmeter. Besonders hart trifft es jene, die im sogenannten geschützten Markt (für schutzbedürftige Kunden) verblieben sind oder variable Tarife besitzen. Allein im Spätsommer gab es hier einen spürbaren Preissprung von fast 13 Prozent innerhalb eines Monats.
„Das volle Ausmaß dieser Teuerungswelle werden viele Familien erst im kommenden Frühjahr schwarz auf weiß sehen, wenn die Nachzahlungen ins Haus stehen“, warnt die Verbraucherzentrale.
Die Rolle von Südtirolgas: Netzbetreiber im Kreuzfeuer,Sie verkaufen kein Gas,sondern verteilen es mittels Ihren Rohren.
In der öffentlichen Diskussion rückt dabei immer wieder ein Name in den Fokus: Südtirolgas. Das Unternehmen ist der größte Gasverteiler der Region und befindet sich über die Betreibergesellschaften indirekt im Besitz von 112 Südtiroler Gemeinden. Viele Bürger fragen sich: Warum kann ein Betrieb, der eigentlich den Gemeinden und damit den Bürgern gehört, die Preise nicht deckeln?
Die Antwort liegt in der Struktur des Energiemarktes. Südtirolgas ist ein reiner Netzbetreiber. Das Unternehmen kauft und verkauft kein Gas, sondern verwaltet, wartet und erweitert das über 1.700 Kilometer lange Verteilungsnetz im Land. Die Tarife für diese Netznutzung werden maßgeblich von der nationalen Regulierungsbehörde ARERA für die gesamte Tarifzone „Nordost“ festgelegt.
Dennoch spüren die Endkunden die lokalen Infrastrukturgebühren deutlich. Jede Gasrechnung besteht zu einem erheblichen Teil aus fixen und variablen Quoten für den Transport. Selbst wer im Winter kaum heizt, zahlt für die Bereitstellung des Netzes. Die Kombination aus explodierenden Rohstoffpreisen auf dem Weltmarkt und den unvermeidbaren Fixkosten der lokalen Infrastruktur wird so zur perfekten Kostenfalle.
Das Paradoxon der „Modellregion“
Die aktuelle Krise legt eine offene Wunde der lokalen Energiepolitik frei. Südtirol gilt als Modellregion für grüne Energie, produziert rechnerisch mehr sauberen Strom aus Wasserkraft, als es selbst verbraucht. Und dennoch hängen die Preise im Land am Tropf der fossilen Brennstoffe.
Da der Strom- und Gasmarkt in Italien eng gekoppelt sind und fast die Hälfte des gesamtitalienischen Stroms nach wie vor aus Gas gewonnen wird, bestimmt der Gaspreis über das sogenannte „Merit-Order-Prinzip“ auch den Strompreis. Südtirol kann sich aus diesem nationalen Marktgefüge nicht einfach ausklinken.
Was können Verbraucher jetzt tun?
Der wichtigste Rat der Experten lautet in diesem Winter: Aktiv werden und vergleichen. Der automatische Verbleib in den Standardtarifen schützt schon lange nicht mehr vor Preisschocks.
- Tarife prüfen: Die Verbraucherzentrale Südtirol rät dringend dazu, die eigenen Gasrechnungen zu analysieren und Angebote auf dem freien Markt zu vergleichen.
- Festpreis-Modelle erwägen: Angesichts der anhaltenden geopolitischen Spannungen, insbesondere im Nahen Osten, kann das Einfrieren des Preises durch einen mehrjährigen Fixpreis-Tarif kurzfristig Sicherheit bieten – selbst wenn dieser im Moment des Abschlusses etwas höher erscheint.
- Langfristiger Ausstieg: Experten betonen gebetsmühlenartig, dass die einzig dauerhafte Lösung gegen die fossile Preisschraube der Umstieg auf lokale, erneuerbare Alternativen wie Fernwärme oder Biomasse-Heizungen ist.
Für diesen Winter kommt dieser Ratschlag für viele Haushalte jedoch zu spät. Den Südtirolern bleibt vorerst oft nur der Griff zum Pullover – und das Hoffen auf einen milden Winter.
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